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"Wir wandern durch die Welt, um von ihr zu erzählen. Und keineswegs, um sie zu erobern, zu verändern, zu erkennen und zu verstehen, sondern lediglich, um ihre Schönheit zu beschreiben. Eine Schönheit, die wir oft nicht begreifen können; doch wir spüren, dass sie in uns fährt mit der Kraft der ersten Liebe."

                                                                                                                                                                                                      Andrzej Stasiuk, Der Stich im Herzen

 

 

Kein Ort. Nirgends

 

I.

 

Kaisersaschern – sie ertappt sich für einen Moment dabei, wie sie den Namen in ihr GPS eingeben will und muss dann unweigerlich lächeln. Auf dem Rücksitz ihres Autos steht ihr Reisegepäck. Sie hat nicht viel dabei: außer ein paar Sachen ein Buch, dessen Rücken schon ziemlich abgegriffen war, ein Notizbuch und natürlich ihre Kamera. Sie ist schon länger gefahren auf Straßen, die sich durch reizvolle Landschaften, vorbei an Weinbaugebieten, schlängeln. Burgen und Ruinen thronen über den Flusstälern, die sie passiert. Sie hat keinen Schimmer, wo sie sich gerade befindet. Doch der Gedanke an eine Irrfahrt kommt ihr romantisch vor. So lässt sie sich treiben, hält hier an und dort an, steigt aus, fährt irgendwann weiter. Sie hat sich vorgenommen, dem Zufall Vorrecht vor dem Plan zu geben. In einer Zeit, wo jeder Ort bis in den letzten Zipfel erfasst und vermessen ist und es immer Bilder gibt, die der eigenen Wahrnehmung vorausgehen und diese steuern, wird die Überwältigung durch das Fremde beinahe zur Unmöglichkeit. In ihrem Fall verhält es sich anders: sie weiß viel über ihr Ziel und eigentlich doch gar nichts. Doch jetzt spürt sie eine Unruhe in sich, je näher sie ihrem vermeintlichen Endpunkt kommt. Wie oft hat sie an diesen gedacht? Warum können einen manche Orte so magisch anziehen?

 

Vielleicht hat uns jemand mit einer Empfehlung ausgestattet, die wir seitdem nicht vergessen haben. Vielleicht haben wir in einem Journal geblättert, sind an den dort präsentierten Ansichten eines unbekannten Ortes hängengeblieben, die uns mit einer Erregung erfüllen, von der wir schließlich selbst überrascht sind. Unsere Sehnsucht für Orte nährt sich aus verschiedensten Quellen. Bei ihr ist es ein Buch, das sie inspiriert und das sie auch jetzt in ihrem Reisegepäck mit sich trägt. Darin wird der Handlungsort, die Stadt Kaisersaschern, beschrieben. Sie hat sich oft in dem Buch vergraben und ohne zu wissen, warum genau, ist nach und nach ein Entschluss in ihr gereift: eines Tages wird sie diesen Ort besuchen.

 

Die Straßen, über die sie jetzt fährt und die eben noch schmal und einsam waren, werden breitspuriger. Sie verlässt die dünn besiedelten Gegenden, mehr und mehr Autos begegnen ihr, die Vorboten städtischen Lebens darstellen. Sie folgt den Hinweisschildern, während ihr die Textstelle aus dem Buch einfällt: „Es ist von der Stadt zu sagen, dass sie atmosphärisch wie schon in ihrem äußeren Bilde etwas stark Mittelalterliches bewahrt hatte.“ Sie denkt an die Beschreibungen und stellt sich die gut erhaltene Stadt mit ihren alten Kirchen vor, die Bürgerhäuser mit Holzgebälk und überhängenden Stockwerken, die Speicher, das Kopfsteinpflaster, die verwunschenen Rundtürme mit Spitzdächern und das Rathaus, dessen Baustil zwischen Gotik und Renaissance schwankt. All das geht ihr durch den Kopf, als sie ihren Wagen in den Ort lenkt. Was ihr als erstes ins Auge fällt, ist die grelle Leuchtschrift eines Schnellrestaurants.

 

Sie hält am Straßenrand an. Auf dem Bürgersteig kommt ihr ein alter Mann mit seinem Gehwagen entgegen. Wo genau ist Kaisersaschern, will sie ihm zurufen, doch dann besinnt sie sich eines Besseren und winkt ihm nur zum Gruß zu. Dieser bleibt vor ihr stehen, blickt sie erstaunt an, murmelt etwas Unverständliches und tippelt langsam davon.

 

Oft hat sie zuhause ein komfortables armchair travelling betrieben, sich in ihre Lektüre vertieft und eine Vorstellung entwickelt, wie jener zentrale Schauplatz des Romans,  in der Mitte Deutschlands gelegen, in Sachsen-Anhalt, an der Saale, in der Nähe von Weißenfels, „mitten im Heimatbezirk der Reformation“ aussehen könnte. Kaisersaschern -  dort, wo der Erzähler Serenus Zeitblom und sein Freund, der Tonsetzer Adrian Leverkühn aufwachsen und gemeinsam auf das Gymnasium gehen.

 

Der literarische Experte wird hier hellhörig und erkennt, dass es sich um einen Stoff von Thomas Mann handeln muss. Es ist der Doktor Faustus, jenes in den vierziger Jahren im kalifornischen Exil entstandene Spätwerk. Darin ist die fiktive Romanbiographie eines Komponisten dargestellt, der sich der Kunst zuliebe dem Teufel verschreibt. Das Schicksal der Hauptperson wird gleichzeitig zum Sinnbild des Schicksals der Deutschen in jener unheilvollen Zeit damals. Der spröde, mitunter düstere Roman macht es dem Leser nicht allzu leicht, denn er birgt zahlreiche Bedeutungsebenen, die enorme literarische wie musikalische Kennerschaft voraussetzen.

 

Gerne lässt sie sich auf einen schwierigen Stoff wie diesen ein, mag die Eleganz der Formulierungen, hat einiges andere dazu gelesen und so weiß sie auch eines sicher: Jenes Kaisersaschern, das im Roman als ein Ort der Idyllik und des Dunkel-Geheimnisvollen am Ende des 19. Jahrhunderts beschrieben wird, gibt es gar nicht. Thomas Mann hat Merkmale verschiedener Städte ineinanderfließen lassen, um einen fiktiven Stadtraum zu erzeugen, in dem das Traditionelle bewahrt ist. Naumburg könnte man aus den Beschreibungen seiner Stadt herauslesen, vielleicht Aschersleben. Oder Nürnberg, Rothenburg und auch Lübeck, die Geburtsstadt des Schriftstellers. Kaisersaschern ist nur ein literarisches Konstrukt - doch die Unerreichbarkeit der Stadt befeuert ihre Sehnsucht erst recht.

 

Jetzt beschließt sie, ihren Wagen abzustellen, sie schnappt sich ihre Tasche und schlägt zu Fuß jene Richtung ein, die zuvor auch der alte Mann genommen hat. Sie geht vorbei an Häusern, deren Grundstücke von hohen Hecken umsäumt sind, läuft vorbei an Mauern, die bröckeln, vorbei an schweren, abgeriegelten Türen. Immer wieder blickt sie in verwilderte Gärten. Sie geht schnellen Schrittes, biegt in immer neue Straßen. Entlang an Parks, Neubaugebieten, leerstehenden Gebäuden. Sie bemerkt die dunklen Fenster der Häuser, die sich jedem neugierigen Blick von Außen verweigern. Sie läuft und läuft, schaut in die Höhe und auf den Boden, entdeckt die prachtvollen Blüten einer Baumkrone und bleibt am Unkraut hängen, das am Rand eines Bürgersteigs sprießt.

 

So wird sie noch lange unterwegs sein und in dieser Zeit nur wenigen Menschen begegnen. Sie wird viele überwucherte, dem Verschwinden oder Desinteresse preisgegebene Plätze passieren, deren Besonderheit nur das eigensinnig entdeckende Auge erkennt. Irgendwann spät an diesem Tag, viele Stunden sind bereits vergangen, wird sie plötzlich innehalten und ihre Kamera aufbauen. Sie wird ihr Notizbuch aus ihrer Tasche fischen und nur einen einzigen Satz notieren: Wo ich bin, da ist Kaisersaschern. Dann wird sie auf den Auslöser ihrer Kamera drücken und dabei wird ihr ganz warm ums Herz werden.

 

 

II.

 

Wie war deine Reise, möchte ich wissen, als ich sie wiedertreffe. Wie hieß das noch mal, wo du warst – Kaisersaschern?  Statt mir eine Antwort zu geben, führt sie mich in ihren Arbeitsraum. Auf dem Tisch sind  Reihen von Fotos ausgelegt, die sie von ihrer Reise mitgebracht hat. Ich trete näher ran und nehme einige Abzüge in die Hand, um sie mir kurz anzuschauen und dann wieder zurückzulegen. Das ist also deine Reise gewesen, will ich fast ein wenig enttäuscht fragen, während ich ein weiteres Foto nach Sehenswürdigkeiten absuche, aber nichts weiter als eine leere Straße erkenne. Ich versuche, mich zu konzentrieren. So unscheinbar die Ansichten zunächst wirken, sie bleiben es nicht. Die Schleusen meiner Wahrnehmung öffnen sich und beim Anblick der Szenen strömt mir eine strahlende Melancholie entgegen.

Fast erschrecke ich mich ein wenig über die heftige visuelle Stimulierung, die mich plötzlich erfasst. Auch wenn der Wunsch nach Verstehen groß ist, entledigen sich die Szenen dem Zugriff des Erklärbaren, die Bilder werden zu Stimmungsbildern, die nicht verstanden, sondern allein erfahren werden wollen.

Die Konturen schwinden, die Schichten schieben sich übereinander, Aggregatzustände scheinen sich ineinander aufzulösen. Himmel drängen sich über Blattwerk. Mauern wachsen aus Wäldern hervor. Jedes Bild trägt eine Schönheit mit sich, die es nicht bereit ist, sofort freizugeben. Für den Betrachter aber speist sich die Schönheit aus dem Eindruck dieses Nicht-Verstehens. Tief versenke ich mich in die Ansichten und erhalte auf einmal eine Ahnung, warum die Reisende an diesem Sehnsuchtsort ihr Glück gefunden haben muss.

Eine Traumverlorenheit hat meine Sinne in Besitz genommen. Erst der Duft einer mir bereitgestellten Tasse Kaffee lässt mich in an die Oberfläche der Wirklichkeit zurückkehren, ich weiß nicht, wie lange ich vor den Fotos gesessen habe. Das ist einfach erstaunlich, höre ich mich sagen und eine große Lust befällt mich. Wie gerne würde auch ich dieses Kaisersaschern besuchen. Da geht sie zum Regal, zieht ein dickes abgestoßenes Buch hervor und drückt es mir in die Hand.

 

Text von Peter Lindhorst

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